Training und Aufbau eines Rennpasspferdes

Diese Trainer A-Arbeit von Roman Spieler vom September 2018 war bereits in einem unserer Magazine zu lesen.

Zusammenfassung: Anne-Catherine Rüegg

Bilder: Roman Spieler

Was zeichnet ein Rennpasspferd aus?
Ein Rennpasspferd zeichnet weit mehr aus als nur die genetischen Voraussetzungen für Rennpass. Es ist ein Pferd, welches viel Talent für diese Gangart mitbringt und diese über die üblichen Distanzen im Renntempo laufen kann.

Voraussetzungen und Auswahlkriterien
Viele der gängigen Reitlehren sind sich einig, dass ein Rennpasspferd die folgenden Bedingungen unbedingt erfüllen sollte:

-Genetische Voraussetzung (Nachweisbares DMRT3-Gen)

-Ausgeprägte mentale Stärke, psychisch belastbar

-Ausgeprägter Gehwille, ausgeprägte aber händelbare Energie

-Weitgehend korrekte Stellung, starke Gliedmassen

-Solide Grundausbildung und hohe Rittigkeit

-Das Pferd will gefallen, zeigt hohen Grundgehorsam und ist stets regulierbar

-Keine zu hohe Aktion für schnellen Rennpass

Lange ist man davon ausgegangen, dass der Unterschied, ob ein Islandpferd Rennpass gehe oder nicht, am Gebäude liege. So beschreibt Reynir Adalsteinsson noch 1998 in seiner „Islandpferde-Reitschule“, wie das Gebäude eines Rennpassers aussehen sollte. Heute, 20 Jahre später, wissen wir dank intensiver Genforschung deutlich mehr darüber und haben erfahren, dass es etwas komplexer ist. Die grösste Überraschung besteht wohl darin, dass hauptsächlich genetische Voraussetzungen für die Gangart Rennpass ausschlaggebend sind.

2012 hatte eine Schwedische Studie alles bisher Geglaubte widerlegt. Die Fähigkeit zum Rennpass ist tatsächlich genetisch fixiert. Selbstverständlich gibt es nach wie vor gebäudespezifische Eigenheiten, die guten Rennpass begünstigen. Das Gebäude kann aber noch so nach „Rennpasser“ aussehen, ohne die genetische Veranlagung ist kein Rennpass im Pferd vorhanden. Wir deklarieren diese Pferde mit dem „Passgen“ als „AA-Pferde“, diese Info ist mittlerweile sogar in Worldfengur hinterlegt.

Pferde, die regelmässig Passrennen laufen, müssen überdurchschnittlich leistungsbereit sein. Trotz wiederkehrenden Sprints soll das Pferd stets regulierbar sein, was einen hohen Grundgehorsam und viel Wille zur Kooperation erfordert. Sehr gute Rennpasspferde sind extrem klar im Kopf und niemals kopflos, sie haben aber den „Will to win“ in sich und wollen bei jedem Rennen als Erste über die Ziellinie. Pferde, die im Rennpass quasi durchgehen, konzentrieren sich nicht mehr auf den Reiter, hören nicht mehr zu und werden dadurch wenig beeinflussbar oder gar komplett unbeeinflussbar. Dies bedeutet wiederum für den Reiter, dass unter diesen Umständen beispielsweise ein gezieltes Legen in den Pass oder eine Korrektur im schnellen Tempo unmöglich wird.

Wenn der Wille zum Fliegen im Pass fehlt, das Pferd nicht energisch und explosiv vorwärts gehen will, so wird es kein schnelles Rennpasspferd. Gute Rennpasspferde kennen die Passstrecke genau und wissen sofort, um was es geht. Sie freuen sich darauf, einen schnellen Sprint hinzulegen und geben alles für ihren Reiter. Trotzdem hören sie auf den Reiter und wollen ihren Job richtig machen, wollen gefallen.

Wie bereits oben beschrieben, ist der Rennpass genetisch fixiert. Trotzdem gibt es bestimmte Gebäudemerkmale, welche die Qualität und Art des Rennpassgehens beeinflussen oder das Rennpassgehen erleichtern. Das Exterieur bestimmt, mit welcher Streckung ein Pferd Rennpass gehen kann. Schnelle Rennpasser sind in der Regel eher gross gebaut, langbeinig mit kurzer, runder Kruppe und starker Behosung. Dies ermöglicht eine grosse Trittweite, die Pferde können pro Schritt eine grosse Distanz zurücklegen. Sie sollen über einen „starken Motor“ verfügen, um möglichst viel explosive Schnellkraft auf den Boden zu bringen. So ist ein schneller, energievoller Start möglich und dies trägt auch zu hohem Tempo bei. Diese Pferde sollen gleichmässig bemuskelt sein, eine gut bemuskelte Oberlinie zeigen. Idealerweise haben sie trockene Beine mit starken, gut abgesetzten Sehnen und eine gute Hufqualität. Selbstverständlich gab es auch in Vergangenheit immer wieder extrem schnelle Passer, die von dieser Bauweise abgewichen sind.

Trainingsprinzipien

Was geschieht beim Aufbautraining von Muskulatur bzw. Kraft?

Durch erhöhte Stimulation des Muskels durch gesetzte Reize vergrössert sich das kardiovaskuläre System. Es entstehen mehr Blutgefässe im Muskel, somit kann der Muskel stärker mit Sauerstoff versorgt wird. Das Hämoglobin sowie die roten Blutkörperchen nehmen an Konzentration zu, wodurch das Herz nun weniger Schläge benötigt, um eine bestimmte Belastung auszuhalten. Ein auf spezifische Muskelgruppen ausgerichtetes Training fördert immer gleichzeitig auch die mitbeteiligen Systeme, so wie zum Beispiel die Herz- und Atemleistung.

Die gesetzten Reize können in folgende Kategorien unterteilt werden:

-Unterschwellige Reize - sind wirkungslos und führen zum Leistungsabfall

-Erhaltungsreize - erhalten den Leistungsstand

-Trainingsreize - übersteigen die Reizschwelle und steigern die Leistungsfähigkeit

-Überreizung - schädigt den Organismus, kann irreparabel sein

Nur wenn diese Reize bewusst und im richten Mass gesetzt werden, entsteht ein optimaler Trainingseffekt. Bei Unterforderung wird kein Fortschritt erzielt, bei Überforderung (Übertraining) tritt ein Konditionsabfall ein und das Pferd kann gesundheitlichen Schaden nehmen. Zudem gilt unbedingt zu beachten, dass sich das Kardiovaskuläre System und die Atmung schneller an höhere Belastungen gewöhnen als die Muskeln und Sehnen. Der Reiter kann so den Eindruck erhalten, dass das Pferd stärkere Belastungen toleriert, da die Atemfrequenz tief bleibt. Ist der Muskelapparat aber noch nicht entsprechend auf die gesetzten Reize vorbereitet, wird dieser überreizt, was zu Schmerzen und ernsthaften Beschwerden führen kann. Das Pferd kann dabei auch dauerhaft Schaden nehmen.

Eine hohe Leistungsfähigkeit beim Pferd kann nur über langfristiges und sehr sorgfältiges Training erreicht werden. Die Anforderungen an einen Rennpasser, also Sprinter, differenzieren das Training zu beispielsweise einem Ausdauersportler (Distanzpferd).

«Ein Rennpasser benötigt primär Schnelligkeit und Kraft für schnelle Sprints, jedoch sind auch Ausdauer, Beweglichkeit und Koordination von hoher Wichtigkeit. Diese vielfältigen Anforderungen erfordern ein intensives und durchdachtes Training.»

Trainingsmethoden

Dauermethode

In der Dauermethode wird kontinuierlich gearbeitet, beispielsweise im regelmässigen Tölt oder Trab über längere Distanzen. Das Pferd arbeitet im aeroben Bereich (130-140 bpm Puls, bei einem durchschnittlich trainierten Pferd), kann sich fortlaufend mit Sauerstoff versorgen. Konkrete Beispiele dafür sind lange Ausritte oder Reittouren im flotten Tölt oder Trab.

Intervallmethode extensiv

Die Intervallmethode arbeitet mir Wiederholungen von Reizen und alternierenden Pausen. Bei der extensiven Intervallmethode wird nahe an der anaeroben Schwelle gearbeitet (160-170 bpm Puls, bei einem durchschnittlich trainierten Pferd, in der intensiven Phase), das Pferd kann sich gerade noch so ausreichend mit Sauerstoff versorgen. Beispiel dafür sind Tempounterschiede während einer Trainingseinheit.

Intervallmethode intensiv

Die intensive Intervallmethode arbeitet im Vergleich zu der extensiven mit höherer Reizstärke, jedoch weniger Wiederholungen. Das Pferd kann hierbei in den anaeroben Bereich (ca. 185 bpm Puls, bei einem durchschnittlich trainierten Pferd, in der intensiven Phase), gelangen, erholt sich aber zwischen den Reizen wieder deutlich. Konkretes Beispiel beim Training eines Rennpassers ist das Reiten von Tölt mit eingeschobenen Galopp-Sprints im hohen Tempo.

Wiederholungsmethode

Hier werden starke jedoch kurze Reize wiederholt und von längeren Pausen unterbrochen, beispielsweise beim Reiten von mehreren Läufen Rennpass an einem Wettkampf.

Pyramidenmethode

Bei der komplexesten Form der Trainingsmethoden werden die Reize zunehmend gesteigert, während die Wiederholungen parallel dazu abnehmen. Konkretes Beispiel beim Training des Rennpassers: Die Trainingseinheit wird im Tölt geritten, wobei Galopp-Sprints eingebaut werden. Die ersten sieben Sprints werden mit ca. 80% der Leistung geritten, darauf folgen fünf Sprints mit 85%, drei Sprints mit 90%, zwei Sprints mit 95% und abschliessend ein Sprint mit 100% Leistung. Die Sprints sind relativ kurz, folgen aber dicht aufeinander.

Die Konditionierung

Unter Konditionierung versteht man das Hervorrufen eines Reflexes durch Setzen eines Reizes. Gerade im Training von Rennpassern ist die Konditionierung eine hilfreiche und effektive Trainingsmethode, da die Pferde beim rennmässigen Reiten trotz maximalen Gehwillens und Leistungsbereitschaft beeinflussbar bleiben sollen. Die klassischen Hilfen wie Gewichts- oder Zügelhilfen dringen nicht mehr immer zum Pferd durch.

Beispiel: Oft ist bei Rennpasspferden das Legen in den Pass eine Herausforderung, da das Pferd durch den immensen Druck der Startboxe und die bestehende Rennatmosphäre nicht mehr auf den Reiter konzentriert ist und die Rennstrecke im Galopp abläuft anstatt im Rennpass. Nutzen wir schon im Training bei jedem Legen die genau gleiche Gewichtshilfe, kombiniert mit einem Stimmkommando (z.B. „Pass“), so wird das Pferd auf das situativ wiederholende Stimmkommando konditioniert und lässt sich durch einen Reflex in den Pass legen. Auch Zupfen an der Mähne beim Zurücknehmen nach dem Rennpass, eine bestimmte Touchierung mit der Gerte, immer gleiches Einsitzen im gleichen Moment etc. wären Möglichkeiten zur Konditionierung des Pferdes.

Fazit

Das tägliche Training eines Rennpassers ist zwar anspruchsvoll und zeitintensiv, definitiv mit hohem Zeitaufwand verbunden. Jedoch kann es enorm vielseitig und abwechslungsreich gestaltet werden. So können lange Ritte im Tölt (Dauermethode) genauso auf der Tagesordnung stehen wie schnelle Sprints in Galopp oder Pass (Intervallmethode). Handpferdetraining, Einheiten auf dem Laufband oder Übungen für die Koordination auf dem Reitplatz, und nicht zu vergessen das Training mit der Startboxe – dies alles hilft dem Pferd zu einem schnelleren und / oder zuverlässigeren Rennpasser zu werden. Vom Trainer wird oft viel Phantasie, Nervenstärke und Beharrlichkeit verlangt.

Markus Albrecht und Roman Spieler im Rennpass

und

Start aus der Startboxe

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